Der Gefahr nach Aberkennung des WM-Status an
Medieninteresse und Zuschauergunst zu verlieren, begegneten die Veranstalter
der Tourist Trophy 1977 mit einer deutlichen Erhöhung des Preisgeldes.
Allein der Sieger des Classic-Rennens erhielt 1979 einen Scheck über
40.000 Schweizer-Franken! Um weitere Spitzenfahrer anzulocken wurde
ihnen zusätzlich auch noch ein lukratives Startgeld offeriert.
Einige der alternden Stars nutzten diese Zeit Ende der Siebziger-,
Anfang der Achtzigerjahre, um ihr Siegkonto gewaltig aufzupolieren.
So holte sich Bill Smith vier Siege. Alan Jackson, Mick Grant und
Tony Rutter liessen sich drei Siege gutschreiben und Phil Read trug
sich auch noch zweimal in die Siegerliste der Tourist Trophy ein.
Im Jahr 1978 rückten die Rennen auf der Insel erneut in den medialen
Mittelpunkt, als Mike Hailwood seine Rückkehr zum Motorradsport
verkündete. Der Brite, der zwischenzeitlich Formel-2-Europameister
und dessen Karriere in der Formel-1 durch einen Unfall beim GP von
Deutschland auf dem Nürburgring abrupt beendet wurde, entschied
sich mit fast 40 Jahren, nochmals sein Glück auf der Isle of
Man zu versuchen. Viele Skeptiker befürchteten die Zerstörung
einer Legende. Es wurde aber das wohl eindrucksvollste Comeback im
Motorradrennsport. Allen Unkenrufen zum Trotz steuerte Hailwood seine
Ducati 900 zum viel umjubelten Sieg im Rennen der Klasse Fornel-1
(Viertakter bis 1000ccm). Fast zwei Minuten trennten ihn nach sechs
Runden vom vierfachen TT-Sieger John Williams. Im Jahr darauf krönte
"Mike the Bike" seine Karriere mit seinem siebenten Sieg
in der Senior-TT auf einer Suzuki 500 und machte sich damit bei seinen
Fans unsterblich.
Wie eng Freude und Trauer gerade bei der Tourist Trophy beisammen
liegen, zeigte das Jahr 1978. Im Rennen der Seitenwagen verunglückten
zwei Gespanne unabhängig von einander nur wenige hundert Meter
nach dem Start des Rennens. Für Mac Hobson, Sieger des Vorjahres
und zu diesem Zeitpunkt Zweiter der Weltmeisterschaft, seinem Beifahrer
Chas Birks und dem Schweizer Ernest Trachsel kam jede Hilfe zu spät.
Im selben Jahr bedeutete ein Sturz das Ende der Karriere für
Pat Hennen. Der Suzuki-Werksfahrer, der als erster Amerikaner einen
WM-Lauf in der Halbliterklasse gewinnen konnte, hatte gerade einen
neuen Rundenrekord aufgestellt als er bei der Jagd auf den Führenden
Tom Herron bei annähernd 200 km/h den Randstein touchierte. Monatelang
kämpften die Ärzte um das Leben von Hennen. Noch heute leidet
der Amerikaner unter den Nachwirkungen dieses Unfalls.
Immer wenn der Blutzoll besonders hoch war, wie eben 1978 oder auch
1970 als sechs Tote zu beklagen waren, entflammten sofort wieder die
öffentlichen Diskussionen über die Sinnhaftigkeit solcher
Strassenrennen.
Ohne Zweifel ist der Mountain-Kurs weltweit die wohl gefährlichste
Rennstrecke. Mehr als 200 tote Rennfahrer in der hundertjährigen
Geschichte scheinen diese Einschätzung zu untermauern. Trotz
der Gefährlichkeit oder vielleicht gerade deswegen, geht von
diesem Rennen eine ungeheure Faszination aus, nicht nur für die
Zuschauer. Nirgends ist die Herausforderung an Mensch und Maschine
grösser als auf der Isle of Man. Für jeden Fahrer ist es
etwas Besonderes - wenn nicht überhaupt das Grösste - ein
TT-Rennen zu beenden und vielleicht sogar eine der begehrten Replicas
zu gewinnen. Solange es wagemutige Rennfahrer gibt, die sich dieser
speziellen Herausforderung stellen wollen, hat diese Art von Rennen
auch seine Berechtigung.
Nach den Auftritten von Mike Hailwood versank die Tourist Trophy ein
wenig im Dornröschenschlaf und die britischen und irischen Fahrer
übernahmen die Vorherrschaft. Aber für die Fans von Rennen
auf Naturrennstrecken blieb die Isle of Man trotzdem immer im Mittelpunkt
ihrer Interessen.
Die folgender Jahrzehnte sollten vor allem im Zeichen eines Mannes
stehen - des Nordiren Joey Dunlop. Der bescheidene Sportler aus Ballymoney,
der nie ein Mann der grossen Worte war, machte 1976 erste Bekanntschaft
mit dem schwierigen Mountain-Course. Ohne viel Streckenkenntnis versuchte
Dunlop einfach den schnelleren Konkurrenten zu folgen, um auf diese
Weise die kniffligen Passagen rascher zu erlernen. Es reichte zwar
noch nicht für eine Spitzenplatzierung, doch nach einem 16. und
18. Rang war für Experten bereits damals klar, dass sie einen
künftigen Siegfahrer gesehen hatten. Sie sollten Recht behalten,
denn bereits im folgenden Jahr durfte Dunlop im Classic-Jubilee-Rennen
zum ersten Mal den Siegessekt verspritzen.
Was dann folgte, wird wohl so schnell kein Rennfahrer überbieten
können. Insgesamt triumphierte der "King of the Road",
wie er von seinen Gegenern und Fans ehrfurchtsvoll genannt wurde,
trotz Gegnern wie Carl Fogarty, Steve Hislop oder Phillip McCallen
unübertroffene 26 mal. Dazu kommen noch 14 weitere Top-3-Platzierungen
und 79 Zielankünfte. Die Rekordbücher zählen ausserdem
unvorstellbare 256 Runden mit einem Schnitt von mehr als 110 Meilen
pro Stunde! Ob kleine Zweitakter oder grossvolumige Viertakter, mit
allen Motorrädern fand der unerschrockene Ire die schnellsten
Linien um den Mountain-Kurs.
Aber Joey Dunlop, der im Jahr 2000 bei einem unbedeutendem Rennen
in Tallin sein Leben verlor, sorgte auch abseits der Rennpisten für
Schlagzeilen. 1985 steuerte er seinen Fischkutter bei der Überfahrt
von Irland auf die Isle of Man gegen eine Klippe. Die Besatzung konnte
damals gerettet werden, acht Motorräder mussten allerdings danach
mühsam vom Meeresgrund geborgen werden. Davon wenig beeindruckt
holte sich Dunlop in diesem Jahr drei Siege.
David Jefferies schien die Fähigkeiten zu besitzen, in die Fussstapfen
des grossen Dunlop treten zu können. Innerhalb von nur drei Jahren
verbuchte der grossgewachsene Brite neun Siege auf seinem Konto. Doch
2003 bezahlte der erst 30-jährigen im Training zur TT mit seinem
Leben.
In der letzten Dekade wurde der Rundenrekord - nicht zuletzt auch
wegen zahlreicher Streckenmodifikationen - ständig nach unten
gedrückt. Feierte man vor 50 Jahren noch die erste Runde mit
einem Schnitt von mehr als 100 Meilen pro Stunde (der Schotte Bob
McIntyre benötigte für eine Umrundung der Insel 22:24,4
Minuten) liegt der Rundenrekord von John McGuiness mittlerweile bei
unvorstellbaren 17:29,26 (was einem Schnitt von 208,33 km/h entspricht).
Es scheint also nur noch eine Frage der Zeit, wer der erste Fahrer
mit einem Schnitt über 130 Meilen/Stunde ist!
Erfolgreichste Fahrer:
Joey Dunlop 26 Siege, Mike Hailwood 14, Phillip McCallen 13, Bob Heath,
Steve Hislop, John McGuiness und Dave Molyneaux je 11, Giacomo Agostini,
Rob Fisher und Stanley Woods je 10. Ferner: Siegfried Schauzu 9, Klaus
Enders 4, Max Deubel, Walter Schneider, Rolf Steinhausen und Luigi
Taveri 3, Fritz Hillebrand 2, Georg Auerbacher, Dieter Braun, Florian
Camathias, Ernst Degner, Helmut Fath, Werner Haas, Rupert Hollaus,
Ewald Kluge, Heinz Luthringshauser, Georg Meier und Fritz Scheidegger
je 1 Sieg.
TT-Rekorde:
17:29,26 (Schnitt 208,33 km/h) John McGuiness und 19:30,49 (Schnitt
186,75 km/h) Dave Molyneaux/Daniel Sayle.
Prominente TT-Opfer:
1939 Karl Gall (A), 1953 Les Graham (GB), 1961 Marie Laure Lambert
(CH), 1962 Tom Phillis (AUS), 1970 Santiago Herrero (E), 1972 Gilberto
Parlotti (I), 1976 Walter Wörner, 1978 Ernst Trachsel (CH), 1992
Manfred Stengl (A), 2003 David Jefferies (GB).