Europa lag nach dem Zweiten Weltkrieg
noch in Trümmern und die Menschen hatten wahrlich andere Sorgen
als an Motorradrennen zu denken. Trotzdem gab es auf der Isle of Man
bereits Leute, die an der Wiederbelebung "ihrer" Tourist
Trophy arbeiteten. Trotz zahlreicher Widrigkeiten, Öl und Benzin
waren rationiert und Reifen kaum zu bekommen, dröhnten bereits
1947 wieder die Motore.
Die alte Garde der Motorradrennfahrer, die durch die Kriegswirren
teilweise um ihre besten Jahre gebracht wurden, übernahmen sofort
das Kommando. Auch nach der Einführung der Weltmeisterschaft
im Jahre 1949 durch die FICM (heute FIM) beherrschten erfahrene Piloten
wie Freddie Frith, Harold Daniell, Maurice Cann, Artie Bell oder Manliff
Barrington die Szene. Doch die jüngere Generation begann schon
kräftig an deren Thron zu rütteln.
1950 schob sich bei der TT mit Geoff Duke ein Fahrer in den Blickpunkt,
der mit seinem makellosen Fahrstil viele Fans gewinnen konnte. Der
damals 27-jährige wurde neben den Arrivierten Artie Bell, Harold
Daniell und Johnny Lockett ins dominierende Norton-Werksteam aufgenommen
und lieferte im Senior-Rennen einen sensationellen Einstand. Der Neuling
führte vom Start bis ins Ziel, stellte einen neuen Runden- und
Streckenrekord auf und verwies seine höher eingeschätzten
Teamkollegen eindrucksvoll auf die Plätze. Ein neuer TT-Star
war geboren! Insgesamt trug sich Duke noch weitere sechs Mal in die
Siegerliste ein. Nach seiner Karriere blieb er auf der Isle of Man
und gründete die Duke Marketing Ltd, die sich auf die Produktion
von Renn-Videos spezialisierte.
Bis 1952 war es deutschen Piloten als Kriegsverlierer verboten, an
internationalen Rennen teilzunehmen. 1953 kehrten die deutschen Motorrad-Marken
BMW, DKW und NSU mit viel Engagement und Ehrgeiz auf die Insel zurück.
Während Walter Zeller (BWM) in der Senior-TT in aussichtsreicher
Position stürzte, schaffte Werner Haas auf NSU zwei zweite Plätze
(Klasse 125cc und 250cc) und Siegfried Wünsche brachte seine
DKW auf den dritten Rang (250cc). Am Ende des Jahres durfte sich ganz
Deutschland über einen Doppel-Weltmeister namens Haas freuen.
1953 erfüllte sich auch das Schicksal von Leslie Graham. Der
erste Weltmeister der Halbliterklasse wünschte sich nichts sehnlichster
als einen Sieg auf der Isle of Man. Tatsächlich gelang es dem
Briten auf der MV Agusta das 125er-Rennen für sich zu entscheiden.
Doch nur einen Tag später verunglückte Graham im Senior-Rennen
tödlich. In der Senke von Bray Hill raste er in die Steinmauer.
Die Ursache seines verhängnisvollen Sturzes blieb rätselhaft,
doch man vermutete einen Bruch der Vorderradschwinge.
Im Jahr darauf wollte es NSU genau wissen. Bereits im März kam
die Mannschaft zu einem Privattraining auf die Insel, um sich die
schwierige Strecke einzuprägen. Für den jungen Österreicher
Rupert Hollaus war es überhaupt der erste Kontakt mit dem spektakulären
Kurs.
Der Einsatz zahlte sich aus. In der Leightweight-TT feierte man mit
Haas, Hollaus, Reginald Armstrong und H. P. Müller einen Vierfachsieg.
Die Ultra-Leightweight-Klasse, die allerdings auf dem kürzeren
Clypse-Kurs ausgetragen wurde, entschied Hollaus nach hartem Kampf
mit Carlo Ubbiali für sich. Hans Baltisberger brachte seine Rennfox
auf den vierten Platz.
1954 fand nach 29 Jahren auch wieder ein Seitenwagen-Rennen statt.
Nur im ersten Jahr konnte ein Norton-Gespann (Oliver/Nutt) siegen,
danach begann die unglaubliche Siegesserie von BMW. Bis zum Ende der
Rennen mit WM-Status im Jahre 1976 holten Walter Schneider, Max Deubel,
Siegfried Schauzu und Klaus Enders, um nur einige zu nennen, für
das bayrische Werk 26 Siege!
Eine besondere TT-Geschichte schrieb Florian Camathias im Jahre 1963.
Bei der Anfahrt verweigerte das Transportfahrzeug des eigenwilligen
Schweizers in Grossbritannien seinen Dienst. Kurz entschlossen wurde
das Gepäck auf dem Renngespann verstaut und Camathias, sein damaliger
Beifahrer Alfred Herzig und der Mechaniker zogen des Weges. In Liverpool
wäre die Fahrt fast zu Ende gewesen. Wegen der enormen Lärmentwicklung
wollte ein Polizist das Trio stoppen. Als er hörte, dass sie
die Fähre zur Isle of Man erwischen mussten, liess er sie passieren.
Die Sieger des Rennens hiessen übrigens Camathias/Herzig!
Hatten in den ersten Jahren nach Wiederaufnahme der Tourist Trophy
die britischen Einzylinder-Motorräder das Renngeschehen in den
grossen Klassen bestimmt, folgten dann jahrelang die italienischen
Motorrad-Firmen mit ihren eleganten Mehrzylinder-Modellen.
Vor allem Bob McIntyre und John Surtees, 1964 auch Formel-1-Weltmeister,
hiessen damals die Protagonisten, die sich Ruhm und Ehre teilten.
Nach dem Rückzug von Mondial, Gilera und Moto Guzzi Ende der
Fünfzigerjahre schickten sich die japanischen Hersteller an,
die Motorradwelt in Europa zu erobern. Beim ersten Antreten von Honda
1959 wurde die Abordnung von vielen noch milde belächelt. Doch
zu aller Überraschung holten sich die in Europa unbekannten Fahrer
Giichi Suzuki, Seiichi Suzuki, Teisuke Tanaka, Naomi Taniguchi und
Bill Hunt trotz mangelnder Streckenkenntnis den Fabrik-Mannschaftspreis
im Rennen der Achtelliterklasse, wobei Taniguchi als Sechster sogar
einen WM-Punkte ergattern konnte.
Bis zum ersten Einzelerfolg mussten sich die Japaner noch bis 1961
gedulden. Dem erst 21-jährigem Mike Hailwood gelang in den Klassen
125cc, 250cc und 500cc ein Hattrick, der noch keinem Fahrer vor ihm
gelungen war.
Das war der Beginn einer einzigartigen Laufbahn, die nicht nur 14
Siege bei der TT, sondern auch neun WM-Titel bringen sollte. 1967
konnte der legendäre Brite ein weiteres Triple für Honda
einfahren.
Auch Luigi Taveri konnte sich in die Siegerliste der TT eintragen.
1962 und 1964 gewann der drahtige Schweizer die Achtelliterklasse
und 1965 auf einer Zweizylinder Honda die Klasse 50cc.
Die Sechzigerjahre waren überhaupt das "Goldene Zeitalter"
für die Tourist Trophy. Fahrer wie Hailwood, Gary Hocking, Jim
Redman, Phil Read und auch Giacomo Agostini lieferten sich unzählige
denkwürdige Schlachten, ihre Fahrten glichen dem Ritt auf einer
Kanonenkugel. Sie trieben sich gegenseitig zu immer eindrucksvolleren
Rundenzeiten. Hatte 1957 ausgerechnet zum 50-Jahr-Jubiläum Bob
McIntyre mit einer Zeit von 22:23,2 als erster Fahrer die Schallmauer
von 100 Meilen/Stunde durchbrochen, lautete die Bestmarke von Hailwood
zehn Jahre später bereits bei 20:48,8 (=108,77 mph)!
Das beste Beispiel ist sicherlich das erbitterte Duell zwischen Hailwood
und Agostini um den Sieg in der Senior-TT 1967. Hailwood, stets bemüht
schon in der Startrunde sein bestes zu geben, hatte soeben einen neuen
Rundenrekord erzielt als er nach der dritten Runde mit seiner Honda
an die Box stürmte, der Gasgriff hatte sich gelockert. Nach einer
provisorischen Reparatur, die ihn elf wertvolle Sekunden gekostet
hatte und Ago in Führung brachte, setzte "Mike the Bike"
alles auf eine Karte. In einer wahnwitzigen Fahrt knabberte er Sekunde
um Sekunde vom Vorsprung des fehlerlos fahrenden Italieners ab. In
der fünften von sechs Runden waren beide wieder zeitgleich als
Agostini mit einer gerissenen Antriebskette enttäuscht aufgeben
musste. Der bei der entfesselnden Siegesfahrt erzielte Rekord von
Hailwood sollte erst 1975 von Mick Grant auf einer Kawasaki 750 unterboten
werden.
Nach dem Umstieg von Hailwood zum Automobilsport dominierte Agostini
auf MV Agusta nach Belieben das Geschehen in der Junior- und Senior-TT.
Der Liebling der weiblichen Zuschauer trug sich insgesamt zehn Mal
in die Siegerlisten ein. Der Todessturz seines italienischen Kollegen
Gilberto Parlotti 1972 veranlasste Agostini nie mehr an einem Rennen
auf der Isle of Man teilzunehmen. Auch andere Spitzenpiloten schlossen
sich diesem Boykott an und überliessen die Tourist Trophy in
den Soloklassen den Privatfahrern.