Der rasende Bürgermeister - Erinnerungen an Karl Hoppe

Der deutsche Motorradrennsport hat im Laufe der Jahrzehnte eine ganze Reihe von großen Könnern hervorgebracht. In erster Linie erinnert man sich da an Fahrer, die erfolgreich waren und sich durch eine Kombination von Können und Charakter besonders ausgezeichnet haben.

Einer dieser Charaktere war ohne Zweifel der am 5. Januar 1923 in Diekholzen bei Hildesheim geborene Karl Hoppe. Der Autor hatte das Glück, während der Weltmeisterschaftsläufe am Sachsenring 1968 und 70 sein Rennhelfer zu sein und kann das demzufolge aus eigener Erfahrung bewerten.

Im Gegensatz zur heutigen Zeit begann die Laufbahn als Rennfahrer damals noch nicht im Kindesalter. Die Grundlage des Lebens bestand in einer soliden Ausbildung; in Karls Fall war das - nachdem er die Volksschule absolviert hatte - die Lehre als Dreher in der bekannten Metall- und Ofenbau-Firma Senking. Das Interesse am Rennsport bzw. sogar an einer Rennbeteiligung wurde aber vorerst Opfer des 2. Weltkrieges, und Karl teilte das Schicksal eines Großteiles seiner Zeitgenossen. Im Alter von 17 Jahren wurde er zur Kriegsmarine einberufen, erlebte das Ende des Krieges aber glücklicherweise unbeschadet. Von Cuxhaven aus setzte er sich - bezeichnenderweise mit dem Motorrad - nach Hause ab. Seine Freundin Johanna wird es mit Erleichterung erlebt haben; noch 1945 heirateten sie. Aus der Ehe ging Sohn Peter hervor.

Obwohl die Hauptprobleme der damaligen Zeit zweifelsohne anderer Art waren, kam auch der Rennbetrieb langsam wieder in Gang. 1949 nahm Karl Hoppe an Gelände- und Zuverlässigkeitsfahrten in der Umgebung von Hildesheim teil. Erwähnenswert ist wohl auch sein "Untersatz", eine von ihm modifizierte Doppelkolben-Puch. Als Mitglied des Hildesheimer MC erreichte er u.a. den 2 Platz beim 1. Grasbahnrennen in Bad Harzburg und absolvierte eine Reihe weiterer Geländerennen. Den Kontakt zur Straße hatte er dann u.a. bei nationalen Rennen in Peine, Kiel, Wunstorf und Eutin.
Leider ging es nicht kontinuierlich voran, denn ein Magendurchbruch bedrohte 1952 nicht nur die weitere Rennfahrerlaufbahn. Glücklicherweise ging die Genesung schnell voran, und so konnte er mittels der internationalen Lizenz ab 1953 das rennsportliche Tätigkeitsfeld bedeutend erweitern. Mittel zum Zweck war dabei eine 350-ccm-AJS "Boy Racer". Eine nicht abreißende Kette technischer Probleme sowie eine viel zu hohe Sturzquote verhinderten allerdings vorerst nennenswerte Erfolge.

Ein besonderes Charakteristikum von Karl Hoppe war es, dass die berufliche Seite des Lebens stets Priorität hatte. Unter diesem Gesichtspunkt kann man ihn mit Fug und Recht als reinen Rennsport-Amateur bezeichnen. Bei der Firma Bosch in Hildesheim - dem größten Arbeitgeber der Region - war er von 1949 bis an das Ende seines Arbeitslebens 1982 beschäftigt. Seine Geradlinigkeit und sein Gerechtigkeitssinn prädestinierten ihn förmlich für die Tätigkeit in einem solchen Gremium wie dem Betriebsrat. Von 1960 bis 1982 war er dort im Sinne des Interessenausgleiches zwischen Arbeitgeber Bosch und den Arbeitnehmern tätig.

Sehr am Herzen lag ihm auch das Wohl seiner Heimatgemeinde Diekholzen. Als Typ, dem Kritik ohne Konstruktivität widerstrebte, war er im heutigen Sprachgebrauch ein "Macher". Die 1961 erfolgte Wahl des SPD-Vertreters Karl Hoppe in den Gemeinderat von Diekholzen war alles andere als eine Überraschung, und sechs Jahre lang bekleidete er die Funktion des Bürgermeisters. Seine 15-jährige Mitgliedschaft im Kreistag des Landkreises Hildesheim war dafür sicher nicht von Nachteil.

Frau Johanna muss wohl immer sehr viel Geduld und Verständnis für ihren Karl gehabt haben. Denn was bleibt wohl noch an Zeit für Gemeinsamkeit, wenn ein solch engagierter Mann dann auch noch auf den Rennstrecken unterwegs ist!?! 1957 - es war auch das Jahr seines ersten Sachsenring-Startes - belegte er den dritten Platz in der bundesdeutschen 350-ccm-Meisterschaft. Ein Jahr später gewann Karl Hoppe dann den ersten deutschen Meistertitel, wiederum in der 350er Kategorie, auf AJS. Die Grundlage dafür waren Siege in St. Wendel und auf dem Nürburgring.

Insgesamt achtmal wurde er Meister, dabei 1965 und 1966 Doppelmeister der 350-ccm- und der Halbliter-Klasse (auf AJS- bzw. Matchless-Motorrädern). Nach einem Aermacchi-Intermezzo ließ er den Gegnern dann 1970 mit der vom deutschen Importeur Weihe zur Verfügung gestellten 350er Yamaha keine Chance. Es war sein letzter nationaler Titelgewinn. Mehr bundesdeutsche Meisterschaften erzielten nur die Weltmeister Werner Schwärzel (10) und Hans-Georg Anscheidt (9).

Wenn es noch eines Beweises seiner Klasse bedurft hätte, so wurde dieser durch seine Rennen mit der von Helmut Fath konstruierten und unter Regie von Friedel Münch weiterentwickelten URS erbracht. Als Solo-Maschine mit einem Metisse-Rahmen kombiniert, brachte dieses Motorrad eine für damalige Verhältnisse erstaunliche Leistung von ca. 90 PS bei 13.500/min. Im Großen Preis von Deutschland 1969 erzielte er mit dem 2. Platz hinter Agostini das beste Ergebnis seiner Laufbahn. Leider verursachte eine Kollision mit Silvio Grassetti während des 350er Rennens in Assen zwei Rippenbrüche (er lag mit der Weihe-Yamaha an dritter Stelle und wurde trotz des schmerzenden Handikaps Vierter). Bezeichnend für Karl: er trat auch zum Halbliterrennen an, musste aber - an zweiter Stelle liegend - in der dritten Runde den Schmerzen Tribut zollen und aufgeben. Logischerweise war die Verletzung eine Woche später in Spa-Francorchamps noch nicht verheilt; er versuchte es trotzdem, kam aber über zwei Runden im Training nicht hinaus. Die so hoffnungsvoll begonnene Saison brachte ihm zwar seinen dritten deutschen Halblitertitel, international wäre aber mehr erreichbar gewesen.

1970 startete er wieder gut in die Saison - vierte Plätze in beiden großen Klassen im Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring. Leider war er dann international vom Pech bzw. von den Unzuverlässigkeiten der Münch-URS verfolgt (der schon erwähnte nationale Titel war da nur ein Trostpflaster). So endete auch der mit Begeisterung aufgenommene Start auf dieser deutschen Maschine am Sachsenring bereits in der ersten Runde durch Maschinenprobleme. Kein Wunder, denn die Maschine stand erst am späten Vormittag des Sonnabends vor dem Rennen zur Verfügung; exakte Einstellarbeiten waren so unmöglich. Apropos Sachsenring: von 1957 bis 1960 war er dort permanent am Start, und nach der politisch bedingten, "OMK-verordneten" Pause kam er 1967, 68 und 70 wieder nach Sachsen. In letztgenanntem Jahr lieferte er sich mit seinem Dauerrivalen Jack Findlay einen sehenswerten Kampf in der 350er Klasse. Jack hatte die Nase vorn, Karl wurde Siebenter.

Im Frühjahr 1971 bot ihm Dieter König an, auf einer seiner Maschinen zu fahren. Einzig nennenswertes Resultat damit ist ein 2. Platz hinter Ernst Hiller (Kawasaki) und vor Teamgefährten Kim Newcombe im "Mayener ADAC-Rundstreckenrennen", einem Lauf zur bundesdeutschen Meisterschaft auf dem Nürburgring.

Seine Weltmeisterschafts-Bilanz erscheint nur auf den ersten Blick bescheiden (ein 2., drei 4., ein 5. sowie vier 7.Plätze in WM-Läufen). Denn man darf folgende Fakten nicht vergessen: bis 1968 wurden nur die ersten sechs, ab 1969 nur die ersten zehn Fahrer mit WM-Punkten bedacht. Aus zwei von ihm 1967 und 68 am Sachsenring erzielten 7.Plätzen - für deutsche Fahrer der "Moderne" sind solche Platzierungen Grund zur Euphorie - ergaben sich so keine Punkte. Und wie schon erwähnt, hatte die Erfüllung seiner Aufgaben in Familie, Firma und Gemeinde immer den Vorrang. Die Absolvierung einer kompletten internationalen Rennsaison wäre ihm unmöglich gewesen.

Karl fuhr 1972 noch zwei Rennen auf der König. Permanente Schmerzen - Ergebnis eines schweren Sturzes in einem belgischen Rennen 1971 - waren allgegenwärtig und veranlassten ihn zur Beendigung der Rennfahrerlaufbahn. Diese war im Oktober 1971 vom Bundespräsidenten Heinemann durch die Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes gebührend gewürdigt worden.

Mit ganzer Kraft widmete er sich nun seinen anderen Aufgaben. Leider war die letzte Zeit seines Lebens von Krankheit gezeichnet. Am 3. August 1987 verstarb er. Ich werde ihn immer als einen großartigen, humorvollen und hilfsbereiten Menschen in Erinnerung behalten. Frau Johanna und Sohn Peter mit Familie leben noch heute in Diekholzen. Peter war schon mehrfach Gast am Sachsenring, zuletzt im Juli dieses Jahres.

(Text: Frank Bischoff, Fotos: Archiv Johanna Hoppe, Archiv Frank Bischoff, Statistik Helmut Ohner)

Rennen
Klasse
Platz
1968 GP der Tschechoslowakwi, Brünn
350cc
5
1969 GP von Deutschland, Hockenheimring
500cc
2
1969 GP der Niederlande, Assen
350cc
4
1970 GP von Deutschland, Nürburgring
350cc
4
1970 GP von Deutschland, Nürburgring
500cc
4
1970 GP der Niederlande, Assen
350cc
7
1970 GP der DDR, Sachsenring
350cc
7

 


Karl Hoppe mit seiner Aermacchi auf dem Sachsenring 1967

Ein schnelles Plauscherl mit Rudi Thalhammer in Salzburg '68

Sieger der Klasse 500ccm beim Eiferennen 1969

Auf dem Weg zum Start - Sachsenring 1970

Hoppe vor dem Österreicher Karl Auer

Letzte Ruhestätte in Diekholzen