Ein Weltmeister namens Ernst Wotzlawek
Als Ernst Eugen Wotzlawek am 22.September 1931 in Gleiwitz geboren
(sein Vater nahm später den Namen Degner an), teilte Ernst das Los vieler
Menschen seiner Generation. Die Invasion der "Wehrmacht" kehrte sich
im Laufe des 2.Weltkrieges um, und insbesondere die Bewohner der damaligen deutschen
Ostgebiete mussten den Wahn vom "Lebensraum" mit dem Verlust der Heimat
und all ihrer Habseligkeiten bitter bezahlen. Kurz vor Kriegsende kam Ernsts
Vater ums Leben. Die verbliebene Familie, bestehend aus der Mutter, ihm und
seiner ein Jahr älteren Schwester, fand in Luckau - südöstlich
von Berlin - eine neue Bleibe. Ein halbes Jahr später starb auch die Mutter,
offensichtlich in Folge all der seelischen und körperlichen Strapazen.
Ernst - an allem
mit der Motorisierung Zusammenhängendem stark interessiert - absolvierte
erfolgreich die Lehre als KFZ-Mechaniker in einer Luckauer Werkstatt. Dann wechselte
er nach Potsdam, im Wesentlichen zum Zwecke des Studiums an der dortigen Ingenieurschule.
Dieses schloss er mit dem Diplom als Entwicklungs-Ingenieur ab. Die Tätigkeit
in einem Konstruktionsbüro, welches aber keine KFZ-Entwicklungsarbeit leistete,
sicherte ihm in der Folge ein für damalige Verhältnisse gutes Einkommen.
Sein Interesse am Rennsport war schon immer sehr groß, und da er ein
Mann der Tat war, setzte er dieses bald um. Die ersten Motorräder - darunter
ein 98-ccm-Motorrad - baute er selbst auf. Mit der Aufnahme in den Motorrad-Club
Potsdam (später BSG Lok Potsdam) begann eine Karriere, die von großen
Erfolgen, letztlich aber von menschlichen Irrungen und Wirrungen sowie Tragik
geprägt war.
Zu den profiliertesten Mitgliedern des Potsdamer Clubs zählten Zweitakt-Spezialist
Daniel Zimmermann sowie Bernhard Petruschke. Ein weiteres Clubmitglied war Hubert
Rose. Dieser wurde zum einen Ernsts erster Rennmonteur; zum anderen gehörte
zu dessen Freundeskreis die junge, hübsche Gerda Bastian. Zwischen Gerda
und Ernst muss es gleich "gefunkt" haben; sie wurden ein unzertrennliches
Paar.
In der Nachwuchs- und Ausweisklasse (ja, damals musste man sich noch sportlich
für die Lizenz qualifizieren!!) erzielte er mit Hilfe der Unterstützung
des Clubs gute Resultate. 1954 war seine erste Lizenz-Saison, die er letztendlich
auf einer von Bernhard Petruschke erworbenen ZPH (so benannt nach deren Entwicklerteam
Zimmermann-Petruschke-Henkel) erfolgreich beendete. 1955 wurde er DDR-Vizemeister.
Walter Kaaden, gegen den er noch in seiner Anfangszeit gefahren war, holte ihn
Ende der Saison als Techniker und Rennfahrer nach Zschopau. Gemeinsam mit Gerda,
die im Zschopauer Werk ebenfalls eine Anstellung bekam, zog Ernst zuerst nach
Zschopau und dann nach Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz). Am 1.Oktober
1957 heirateten sie. Die Feier fand im Hotel "Chemnitzer Hof" statt.
Aus IFA war Anfang 1956 MZ geworden, die Werksfahrer waren nun Horst Fügner,
Ernst Degner, Werner Musiol und Walter Brehme (die beiden Letztgenannten hatten
den Status von Clubfahrern mit Werksunterstützung). MZ war längst
international aktiv, und 1958 erfolgte erstmals die Teilnahme an der kompletten
Weltmeisterschaft.
Die ersten WM-Podestplätze für MZ hatten Ernst Degner (3.Platz 125
ccm) und Horst Fügner (2.Platz 250 ccm) am 20.Juli auf dem Nürburgring
erzielt. Horst Fügner war es vorbehalten, eine Woche später den ersten
Weltmeisterschaftslauf für MZ im schwedischen Hedemora zu gewinnen. Er
wurde im gleichen Jahr Vizeweltmeister; leider endete seine hoffnungsvolle Karriere
am 5.Juli 1959 nach einem schweren Sturz im belgischen Spa-Francorchamps. Glücklicherweise
gesundheitlich wiederhergestellt, wurde er in der Folge als Techniker und Berater
für das Team um Walter Kaaden unersetzlich.
Wer den Namen Degner bis dato noch nicht wahrgenommen hatte, tat dies garantiert nach dem Grand Prix von Italien 1959. Am Ende einer Saison, während der Gary Hocking das Leistungsvermögen der 250-ccm-MZ so eindrucksvoll demonstrierte, dass Graf Agusta diese "Gefahr" abwarb, fuhr Ernst in Monza die wahrscheinlich besten Rennen seiner Karriere. War er dem 250-ccm-Sieger Carlo Ubbiali (MV Agusta) noch bei Zeitgleichheit unterlegen, so schlug er diesen bei den "Kleinen" mit dem Minimalvorsprung von 1/10 Sekunde. Der "abtrünnige" Hocking kam sicher ins Grübeln darüber, ob der Wechsel von MZ zu MV richtig gewesen war. Sein Ex-Teamkollege hatte ihn "versägt" - Gary wurde 6. bei den 125ern, in der Viertelliterklasse blieb er punktlos!
Der dritte
Gesamtrang der 125-ccm-WM 1960 war das Ergebnis von Ernst Degners zweitem Grand-Prix-Sieg
- diesmal in Spa-Francorchamps (MZ-Teamkollege John Hempleman wurde Zweiter)
und zwei 3.Plätzen im Ulster Grand-Prix und in Monza. Die MZ waren immer
schneller und endlich auch standfester geworden. Daran hatte Ernst Degner sowohl
als Fahrer als auch als Techniker großen Anteil.
Familiär hatte sich auch einiges verändert; 1959 war Olaf geboren
worden, im Juni 1961 der zweite Sohn, Boris. 1961 sollte zu einem Schicksalsjahr
für die Familie Degner werden. MV Agusta hatte die Beteiligung in den von
MZ beschickten Klassen eingestellt, Honda war nun Hauptkontrahent. Die Saison
entwickelte sich so, dass der Gewinn des 125-ccm-Weltmeistertitels für
Ernst Degner und MZ immer greifbarer wurde. Nach drei Siegen in Hockenheim (Shepherd,
Brehme und Fischer vervollständigten den MZ-Triumph als 2.-4.), auf dem
Sachsenring und in Monza fuhr Ernst mit einer knappen WM-Führung im September
zum Grand Prix von Schweden. Der Titelgewinn wäre zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich
schon perfekt gewesen, hätte ein Sturz in Assen nicht zum Ausfall des MZ-Spitzenmannes
geführt. Infolge dieses Sturzes war er eine Woche später in Spa-Francorchamps
noch so gehandikapt, dass der 4.Platz das Optimum war.
Eklatante wirtschaftliche Kontraste zwischen Ost und West hatten mittlerweile
zu einer enormen Abwanderungswelle aus der DDR geführt. Deren politische
Führung sah kein anderes Mittel zur Eindämmung dieser Entwicklung
als die radikale Schliessung der Westgrenze mittels des Mauerbaues Mitte August
1961. Zuerst wurde Berlin völlig getrennt, dann die gesamte innerdeutsche
Grenze hermetisch abgeriegelt. Zwischenmenschliche Verbindungen wurden auseinandergerissen,
der Staat erklärte seine Einwohner praktisch zu seinem Eigentum. Wer es
trotzdem wagte, sich dieser Willkür zu entziehen, riskierte sein Leben.
Das Geschehen um das Wochenende des 15.-17. September 1961 ist aus verschiedensten
Blickwinkeln kommentiert worden. Die im MZ-Team damals vorhandene Enttäuschung
und Verbitterung nach Ausfall ihres Titelanwärters und dessen Flucht in
den "Westen" ist verständlich, nahm er doch letztendlich auch
firmeninterne Kenntnisse zu Suzuki mit. Aber: heute tut das wohl jeder Manager
oder Techniker beim Wechsel von einer Firma in die andere - wird er deswegen
als Verbrecher bezeichnet oder behandelt?!?
Die Flucht der Familie Degner - Gerda mit den kleinen Söhnen flüchtete
bekanntlich unter hohem Risiko - war vorrangig eine menschliche Tragödie.
Sie war - trotz der gewissen Privilegierung von Sportlern wie Ernst Degner -
im Wesentlichen ein Produkt der eingeschränkten Freiheit auf der östlichen
Seite des "Eisernen Vorhanges". Betrachtet man die Entwicklung nach
1961 - politische Reaktionen westlicher Länder führten u.a. zu jahrelangen
Startverhinderungen der DDR-Fahrer, so wäre für Ernst Degner bei einem
Verbleib im "Osten" die internationale Rennsportkarriere zu Ende gewesen.
1962 wurde er dann auf Suzuki erster 50-ccm-Weltmeister und gleichzeitig erster
Titelträger auf einem Zweitakt-Motorrad. Leider nahm sein weiteres Leben
aber einen traurigen Verlauf. Am 10. November 1963 stürzte er mit der neuen
250-ccm-Suzuki in der ersten Runde des Grand Prix von Japan in Suzuka schwer
und drohte in den Flammen des ausgelaufenen und entzündeten Kraftstoffes
zu verbrennen. Sein Leben konnte gerettet werden, aber eine große Zahl
von Operationen und Hauttransplantationen auch im Gesicht veränderten nicht
nur sein Aussehen (auf das er immer großen Wert gelegt hat). Seine Psyche
war stark in Mitleidenschaft gezogen. Trotz weiterer Rennerfolge (u.a. vier
Grand-Prix-Siege) konnte er sein inneres Gleichgewicht nur noch mittels starker
Medikamente herstellen und beendete die Rennkarriere 1966. Die extremen menschlichen
Veränderungen ließen Gerda keine andere Wahl, als sich von ihm zu
trennen. 1972 wurde die Ehe geschieden.
Ernst Degner fand niemals mehr wirklich zu sich selbst. Alle medizinischen Behandlungen
waren letztendlich erfolglos. Nach verschiedenen Anstellungen wieder für
Suzuki tätig, hatte er 1978 den ersten Kontakt mit den Kanarischen Inseln.
Auf Teneriffa erwarb er eine Wohnung, sein Leben blieb aber fortan unstet. Der
körperliche und seelische Zustand verschlechterte sich zusehends.
Man muss es Gerda Degner und den Söhnen hoch anrechnen, dass sie - selbst
in Deutschland wohnend - ihn nicht im Stich ließen. Auf einen Hilferuf
aus Teneriffa hin wollte Olaf seinen Vater nach Deutschland holen. Er fand ihn
aber am 8.September 1983 nur noch tot in seiner Wohnung. Auf dem Friedhof von
Arona wurde ein Mann zur letzten Ruhe gebettet, dem man mehr Lebensglück
gewünscht hätte.
Wichtigste Erfolge Ernst Degners
1962 Weltmeister auf Suzuki 50 ccm
1961 Vizeweltmeister auf MZ 125 ccm
1960 3. Platz Weltmeisterschaft auf MZ 125 ccm
1963 3. Platz Weltmeisterschaft auf Suzuki 50 ccm
15 Grand-Prix-Siege zwischen 1959 und 1965
Text: Frank Bischoff, Fotos: Archiv Frank Bischoff, Archiv Bert Schneider
![]() Ernst Degner stürzt in der ersten Runde des GP von Japan 1963 |
![]() Degner liegt neben der brennenden Maschine |
![]() Seine Bergung dauert viel zu lange |